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Brand von Notre-Dame: "Wir sind im Herzen getroffen"
SPIEGEL
Mon, 15 Apr 2019 20:25

Brand von Notre-Dame: "Wir sind im Herzen getroffen"

SPIEGEL
Mon, 15 Apr 2019 20:25

Tausende Menschen stehen am Ufer der Seine und blicken fassungslos auf die brennende Kathedrale Notre-Dame, viele weinen.

Brand von Notre-Dame: "Wir sind im Herzen getroffen"
Die Szenen rufen das Trauma der Terroranschläge in Erinnerung, die Trauer ist grenzenlos.

















Menschen sitzen in Paris am Ufer der Seine und schauen Richtung Notre Dame














Montag, 15.04.2019  

21:25 Uhr




Sie gehört zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeit Europas, ist ein Wahrzeichen Frankreichs - die Kathedrale Notre-Dame. Nun hat ein Brand den historischen Bau zu weiten Teilen zerstört. Meterhoch schlagen die Flammen aus dem Gebäude, ein Spitzturm des Mitteldachs brach bereits zusammen.




"Notre Dame ist nicht nur eine Sehenswürdigkeit, sie ist ein Monument, sie ist konstitutiv für unsere Nation", sagte der Journalist Stéphane Bern auf dem Fernsehsender France 2. "Wir sind im Herzen getroffen."


"Alles brennt", sagte der Sprecher von Notre-Dame, André Finot. "Von dem Dachstuhl, der zu einem Teil aus dem 19. Jahrhundert und zum anderen Teil aus dem 13. Jahrhundert stammt, wird nichts übrig bleiben". Ob die Flammen auch das Gewölbe erreichen werden, das die Kathedrale schützt, sei noch unklar. "Es ist schrecklich."




Menschen sammeln sich im Umfeld der Kathedrale
"Ich fühle mich wie nach den Attentaten", sagte eine Frau der SPIEGEL-Reporterin Britta Sandberg in der Nähe der Ile de la Cité. Auf dieser Insel in der Seine steht Notre-Dame. Im Umfeld der Kathedrale sammeln sich immer mehr Menschen. Junge und Alte, Franzosen und Ausländer weinen.












IAN LANGSDON/EPA-EFE/REX

Menschen in Paris blicken am frühen Montagabend Richtung Notre-Dame










Gleichzeit ist es bis auf den Lärm der Feuerwehr absolut ruhig, die Menschen halten fassungslos ihre Smartphones in Richtung Kathedrale und filmen oder fotografieren. Rathausangestellte gucken mit entsetzten Gesichtern aus den Fenstern auf die brennende Kathedrale. Taxifahrer fotografierten während der Fahrt.
"Ich habe nie gedacht, so etwas zu sehen. Notre-Dame ist ein Wahrzeichen von Paris", sagt ein Anwohner im französischen Fernsehen. "Ich habe nicht damit gerechnet, so etwas je sehen zu müssen", stimmt eine junge Frau zu. Löschwagen aus ganz Paris sind derzeit im Einsatz.


Seine-Insel wird evakuiert
Die Feuerwehr rief die Einwohner auf, die Gegend zu meiden und den "Rettungsfahrzeugen Platz zu machen". Bürgermeisterin Anne Hidalgo sprach von einem "furchtbaren Brand". Auch sie rief die Menschen über Twitter auf, die Sicherheitsabsperrungen zu respektieren.



Ein Teil der Seine-Insel wird seit 19.30 Uhr evakuiert. Wie im französischen Fernsehen zu sehen war, erweiterte die Polizei den Sicherheitskreis um die Kathedrale Stück für Stück. Präsident Emmanuel Macron sagte eine für den Abend geplante wichtige Fernsehansprache ab, um an den Ort des Geschehens zu fahren.












PHILIPPE WOJAZER / POOL / AFP

Emmanuel Macron (Mitte) vor der Kathedrale







Macron äußerte sich auf Twitter bestürzt. "Notre-Dame von Paris den Flammen ausgeliefert. Emotion einer ganzen Nation", schrieb der Präsident auf Twitter. Er sei in Gedanken bei allen Katholiken und allen Franzosen. "Wie alle unsere Landsleute bin ich an diesem Abend traurig, diesen Teil von uns brennen zu sehen."


US-Präsident Donald Trump erklärte auf Twitter, es sei "schrecklich", dem "massiven Brand" zuzusehen. Jetzt müsse rasch gehandelt werden, erklärte er weiter und riet, Löschflugzeuge einzusetzen.
Der ehemalige Sprecher der Pariser Feuerwehr, Laurent Vibert, widersprach Trumps Vorschlag gegenüber dem Sender France 2: "Wir können keine Tonnen von Wasser abwerfen, die den Bau weiter destabilisieren und riskieren, das Feuer anzuheizen und Einsatzpersonal zu verletzen."
Der Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk, twitterte auf französisch und englisch: "Notre-Dame von Paris ist Notre-Dame von ganz Europa. Unsere Gedanken sind heute in Paris." EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker schrieb auf dem Kurznachrichtendienst: "Ich verfolge minütlich den Brand, dem Notre-Dame in Paris zum Opfer gefallen ist. Notre-Dame gehört der ganzen Menschheit. Welch trauriger Anblick. Ich teile das Gefühl der französischen Nation, das auch unseres ist."


Kanzlerin Merkel: "Schreckliche Bilder"
Regierungssprecher Steffen Seibert erklärte im Namen von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf deutsch und französisch via Twitter, es tue "weh, diese schrecklichen Bilder" der brennenden Kathedrale zu sehen. Notre-Dame sei ein Symbol Frankreichs und der europäischen Kultur.
Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) twitterte, "die brennende Notre Dame trifft auch uns ins Herz". Er hoffe gemeinsam mit den Einsatzkräften und "unseren französischen Freundinnen und Freunden", dass "keine Menschen zu Schaden kommen".


Vizekanzler Olaf Scholz teilte auf Twitter mit, er hoffe, dass es der Feuerwehr rasch gelingt, den Brand einzudämmen und das Wahrzeichen zu retten. Der CSU-Europapolitiker Manfred Weber sprach auf Twitter auf Französisch von einer "tiefen Traurigkeit" angesichts der "furchtbaren Bilder" aus Paris: "Aus ganzem Herzen mit den Französinnen und den Franzosen."


Kölner Domprobst "erschüttert", Vatikan sendet Gebete
Der Kölner Dompropst Gerd Bachner hat sich schockiert über den Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame geäußert. "Das ist schon erschütternd, diese Bilder zu sehen. Es ist schrecklich, das mitzuerleben", sagte Bachner. "Wir sind in Gedanken mit den Katholiken und allen Franzosen und trauern mit ihnen." Die Brandgefahr für den Kölner Dom sei wesentlich geringer, da sein Dachstuhl erst im 19. Jahrhundert gebaut worden sei und zwar nicht aus Holz, sondern aus Stahl.



Auch der Vatikan hat mit Bestürzung auf das verheerende Feuer reagiert. "Der Heilige Stuhl hat die Nachricht des entsetzlichen Brandes, der die Kathedrale von Notre-Dame, Symbol der Christenheit in Frankreich und der Welt, verwüstet hat, mit Schock und Trauer aufgenommen", sagte Papst-Sprecher Alessandro Gisotti. "Wir drücken die Nähe zu den französischen Katholiken und den Einwohnern von Paris aus und sichern den Feuerwehrleuten und denjenigen, die alles tun, um diese dramatische Situation zu bewältigen, unsere Gebete zu."
Der Historiker Fabrice dAlmeida bezeichnete Notre-Dame als "eine Zusammenfassung der Geschichte Frankreichs." Die Kirche sei nicht nur ein christliches Wahrzeichen sondern wegen seiner Rolle in der Geschichte und Politik des Landes auch "ein Zentrum des Laizismus". Sie sei "das Gedächtnis von Paris".