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Volkswagen-Tochter: Wirklich mobil ohne Auto? So schlägt Moia sich im Alltag
SPIEGEL
Mon, 15 Apr 2019 19:31

Volkswagen-Tochter: Wirklich mobil ohne Auto? So schlägt Moia sich im Alltag

SPIEGEL
Mon, 15 Apr 2019 19:31

Es ist ein großes Versprechen: Volkswagens Fahrdienst Moia soll den Verzicht aufs eigene Auto erleichtern.

Volkswagen-Tochter: Wirklich mobil ohne Auto? So schlägt Moia sich im Alltag
Zum Start in Hamburg haben wir den Service drei Prüfungen unterzogen - allein, mit Einkäufen und mit Kleinkind.









Christian Frahm/ SPIEGEL ONLINE










Montag, 15.04.2019  

20:31 Uhr




Mit seinem neuen Fahrdienst Moia will Autohersteller Volkswagen die urbane Mobilität auf den Kopf stellen. Heerscharen von Menschen sollen ihren Pkw abschaffen und sich stattdessen mit VWs futuristisch anmutenden Elektrobussen durch die Stadt kutschieren lassen. Seit Montag rollen 100 der Moia-Shuttles durch Hamburg. Ein Netz von 10.000 virtuellen Haltestellen durchzieht die Hansestadt, an jede von ihnen kann man den Dienst per App bestellen.




Wir testen ob der Fahrdienst hält, was VW verspricht. Einen Tag geht es mit dem Moia-Shuttle durch Hamburg. Das Kind aus dem Kindergarten abholen, ein Eis in der Innenstadt essen und die Einkäufe erledigen - geht das alles genau so komfortabel wie mit dem eigenen Auto?

10:45 Uhr: Ich lade mir die Moia-App herunter. Namen, Mail-Adresse und Mobilnummer angeben, schon kann es losgehen. Auf dem Bildschirm erscheint eine Karte mit dem Moia-Geschäftsgebiet.


11:10 Uhr: Ich will sofort losfahren. Mein Ziel: Zuhause. Ich muss dringend mein Leergut vom Wochenende wegbringen. Ich gebe das Ziel ein und drücke auf "Bestätigen". Mein Shuttle soll unweit meines jetzigen Standortes in der Hafen-City um 11:29 ankommen - also in rund 20 Minuten.



11:20 Uhr: Ich stehe an einem unscheinbaren Ort, der ganz und gar nicht nach Haltestelle aussieht. Aber genau das ist das Prinzip von Moia: Die Haltestellen sind von Passanten als solche nicht zu erkennen. Sie werden lediglich in der App angezeigt und variieren je nach Route und weiteren Passanten auf der Strecke.


11.29 Uhr: Genau jetzt soll mein Moia-Bus kommen. Und tatsächlich: Am Horizont taucht der goldene Bus auf und - biegt ab. Das war wohl nichts. Nachdem noch zwei weitere Moia-Busse an mir vorbeigefahren sind, ist es inzwischen 11:40 Uhr. Die App meldet sich: "Sorry, wir sind spät dran" steht auf der Anzeige meines Smartphones. Mein Moia-Shuttle, das als gelber Punkt auf der Straßenkarte zu sehen ist, bewegt sich seit Minuten nicht vom Fleck. Die geschätzte Ankunftszeit springt von einer auf vier Minuten.



11:44 Uhr: Endlich kommt mein Shuttle - mit 24 Minuten Verspätung. Der Fahrer begrüßt mich mit meinem Vornamen und entschuldigt sich. Er habe im Stau gestanden. Davor sind auch die goldenen Moia-Busse nicht gefeit. Ich steige ein und setze mich auf einen der an moderne Ohrensessel erinnernden Sitze. Die Schiebetür schließt automatisch, der Bus surrt mit seinem Elektroantrieb geräuschlos davon. Aber der Fahrer hat ein weiteres Mal Pech. In einer engen Straße versperrt ein Speditions-Lkw den Weg.



Der Weg, den wir fahren, kommt mir umständlich vor. Aber der Fahrer folgt der Route seines Navigationsystems und damit der Logik des Moia-Algorithmus. Zu Fahrtantritt war die Ankunftszeit zwischen 11:42 und 11:53 Uhr angegeben. Als ich vor meiner Wohnung aussteige, ist es 12:11 Uhr. Immerhin liegt die virtuelle Haltestelle nur zwei Hausnummern von meiner Wohnung entfernt. Für die 4,5 Kilometer lange Fahrt zahle ich fünf Euro - das ist der Maiximalpreis, den Moia während des ersten Monats der Inbetriebnahme verlangt, egal wie lang die Fahrt ist.


12:36 Uhr: Nach kurzer Visite in der Wohnung und mit meinem Wasserkasten in der Hand stehe ich wieder an der Straße. Ich habe mir bereits das nächste Shuttle gerufen und habe diesmal mehr Glück. Auf die Minute genau rollt der Moia-Bus in meine Straße rein. Auch diesmal liegt die Haltestelle nur etwa 30 Meter von meiner Haustür entfernt.

Der Fahrer scheint nicht mal verdutzt, als ich mit der Getränkekiste einsteige. Handgepäck und größere Einkäufe seien kein Problem, erklärt er mir. Lediglich großes sperriges Gepäck oder Möbel dürften nicht transportiert werden. Die Fahrt verläuft reibungslos und wir kommen wie prognostiziert zwölf Minuten später am Getränkemarkt an. Preis für 4,2 Kilometer: 4,82 Euro.


13:10 Uhr: Pfand erfolgreich abgegeben. Ich stehe auf dem Parkplatz und will mein nächstes Shuttle buchen. Dabei kann ich immer wählen, ob ich "jetzt sofort", "in 5 Minuten", oder "in 10 Minuten" startbereit bin. Egal für welche Option ich mich entscheide: Das System zeigt mir an, dass alle Busse derzeit belegt sind. Ich versuche es ein weiteres Mal und habe Erfolg. Allerdings kommt mein Bus angeblich erst in 20 Minuten. Hätte ich es jetzt eilig, hätte ich ein Problem und müsste wohl auf Bus und Bahn umsteigen oder mir ein Taxi rufen. Stattdessen gehe ich zurück in den Getränkemarkt, kaufe mir einen Eistee und setze mich in die Sonne.


13:31 Uhr: Spät, aber immerhin pünktlich sammelt mich der Moia-Fahrer ein und fährt mich zum Kindergarten. Dort komme ich sogar sechs Minuten früher an als von der Moia-App vorausgesagt. Ich erkundige mich beim Fahrer, ob er kurz warten könne, bis ich das Kind aus dem Kindergarten abgeholt habe. Das funktioniere leider nicht, da schon der nächste Fahrgast wartet.

Aber ich habe dazu gelernt. Ich buche bereits jetzt das nächste Fahrzeug. Diesmal mit drei Plätzen (Kind, Oma und ich) und wähle als Option einen Kindersitz. Wartezeit: 17 Minuten. Genug also, um das Kind aus der geliebten Spielecke zu zerren, Schuhe und Jacke anzuziehen und dann pünktlich wieder an der nahe gelegenen virtuellen Haltestelle zu stehen.


13:44 Uhr: Auch diesmal ist der Bus etwas früher da als geplant. Fahrer Christian sieht mich mit dem Kind an der Hand am Straßenrand stehen und steigt aus, um den Kindersitz zu befestigen. Im Handumdrehen hat er die Schale aus dem Gepäckraum gefischt und hilft dem Jüngling sogar noch beim Anschnallen. Letzterer hat viele Fragen zu dem goldenen Bus und Fahrer Christian scheinbar gute Laune an seinem ersten Arbeitstag. Geduldig antwortet er und liefert uns pünktlich in der Innenstadt an der Alster ab. Eis in der Sonne - da sind wir.


Fazit:
Moia funktioniert, hat aber definitiv noch einige Schwächen. Die Routen, die die Fahrer beziehungsweise der Algorithmus wählen, scheinen oft umständlich. Hinzu kommt, dass die 300 Chauffeure, die Moia nur mit Mühe und Not in ausreichender Zahl und mit aufwendiger Werbung einstellen konnte - oft noch nicht ausreichend ortskundig sind.
Steht das Shuttle am Straßenrand und öffnet seine Tür, ist die eigentliche Fahrt meist ein Vergnügen. Erst Recht, wenn man hinterher auf die Rechnung schaut. Denn Moia ist zwar teurer als der PNV, aber deutlich günstiger als eine vergleichbareTaxifahrt. Jeder weitere Mitfahrer, den man über die App bucht, fährt zudem noch günstiger. Für größere Gruppen kann sich eine Moia-Fahrt also durchaus lohnen.



Wie gut der Ridesharingdienst von VW tatsächlich funktioniert, wird sich aber vermutlich erst in ein paar Wochen zeigen. Außerdem dürfte es zunehmend weniger Verspätungen geben, sobald die Flotte in ein paar Monaten um weitere Fahrzeuge aufgestockt wird.
Als Alternative zum eigenen Auto taugt Moia allerdings vorerst nur für Menschen, die nie unter Zeitdruck sind. Es heißt ja immer, wir sollen uns entschleunigen. Dafür ist der neue Fahrdienst von VW ziemlich gut geeignet.