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Spezielle Bikestores: Wo Mensch und Fahrrad zusammenwachsen
SPIEGEL
Sat, 20 Apr 2019 18:51

Spezielle Bikestores: Wo Mensch und Fahrrad zusammenwachsen

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Sat, 20 Apr 2019 18:51

Die Deutschen kaufen Fahrräder zunehmend im Internet, Einzelhändler geraten in Not.

Spezielle Bikestores: Wo Mensch und Fahrrad zusammenwachsen
Eine Antwort kleiner Läden: Sie schneiden Räder und Zubehör radikal auf den Fahrer zu. So wie in einem Kölner Hinterhof.









Fabian Hoberg










Samstag, 20.04.2019  

19:51 Uhr




Hinter der Ladentheke zischt die Espressomaschine. An den Backsteinwänden hängen ein paar Räder und Bilder regionaler Künstler, auf Ständern findet sich etwas Sportkleidung. Das Angebot im Geschäft von BoBikes in Köln-Ehrenfeld ist reduziert.




Weniger ist mehr - auch so will der Laden gegen die Onlinekonkurrenz bestehen. Kunden bestellen Räder zunehmend im Netz. Nach Angaben des Zweirad Industrie Verbands (ZVI) wurden in Deutschland 2012 noch neun Prozent der Fahrräder online gekauft, 2017 waren es schon 19 Prozent.


Radläden als Sehnsuchtsorte mit Stil


Gerade beim Absatz hochwertiger Räder helfen dagegen kreative Ansätze und viel Service, sagt BoBikes-Inhaber Bernd Over. "Kunden binden wir nicht durch den Verkauf eines einzelnen Fahrrades, sondern durch Beratung und zusätzliche Leistungen", erklärt er.

Weltweit präsentieren sich Radläden zunehmend als Sehnsuchtsorte mit Stil, nicht nur im Rennradbereich. Geschäfte wie Butchers and Bicycles in Kopenhagen und Pavé in Barcelona prägen die Szene. Die Dänen stellen individuelle und handgefertigte Lastenräder her. Bei Pavé können Kunden neben hochklassigen Rennrädern auch Mountainbikes kaufen - zu hohen Preisen.



"Freizeitsportler mit Ambitionen wie Triathleten geben mehr Geld als früher aus, das merken wir an teureren und besser ausgestatteten Rennrädern", berichtet David Eisenberger vom ZIV. 2017 verkauften die Händler in Deutschland rund 3,85 Millionen Fahrräder, davon etwa 100.000 Rennräder.


Immobilienkaufmann sattelt um
BoBikes-Chef Over tritt seit mehr als 25 Jahren in die Pedale von Rennrädern, veränderte und modifizierte sie. Bei Straßenrennen im Rheinland und in der Schweiz fand er Gleichgesinnte und stellte fest, dass es einen Markt für hochwertige Rennmaschinen und umfassende Beratung in Köln gibt.
Im Sommer 2016 beschloss der Immobilienkaufmann, Fahrräder zu verkaufen. Sein Laden sollte mit Beratung für Rennmaschinen und Gravelbikes punkten. Ein Jahr später setzte er seinen Plan in die Tat um - seit Anfang 2018 in einem Hinterhof-Loft einer ehemaligen Gärtnerei.



"Wir wollen Kunden ein Erlebnis bieten", sagt der 43-Jährige. Dazu gehören Testräder, Hol-und-bring-Service im Kölner Stadtgebiet, Radanpassung und Individualisierung der Bauteile sowie Rennradtraining. Samstags geht es innerhalb der Radsaison auf geführte Touren rund um Köln.


Bauteile aus dem 3-D-Drucker
Die fünf Bobikes-Mitarbeiter fahren selbst Rennrad und testen Räder. Darunter sind Maschinen von BMC, Trek, Pinarello, Look, 3T und Liv. Auf Kundenwunsch stellt Zweiradmechatroniker Merlin Heyde Rahmen, Bremsen, Schaltkomponenten und Laufräder individuell zusammen. Bauteile, die es nicht zu kaufen gibt, fertigen die Mitarbeiter mit einem 3-D-Drucker an. Je nach Größe und Ausstattung kosten die zwischen sieben und acht Kilogramm leichten Carbon-Rennmaschinen bis zu 12.000 Euro.
In diesem Preissegment könne es sinnvoll sein, Kunden umfassend im Laden zu beraten, sagt Philipp Elsner-Krause, Geschäftsführer beim Zubehörhändler Fahrer Berlin. Oft würden Räder wie ein einzigartiges individuelles Produkt inszeniert, sie kämen jedoch in Wahrheit "von der Stange oder aus dem Lager".
Besser machen wollte es Auftragsrad in Berlin. Auf den Kunden zugeschnittene Unikate und Lastenräder bot das Unternehmen an, die Mitarbeiter kümmerten sich viel um die Interessenten. "Doch viele verstanden nicht, dass aufwendig gefertigte Einzelstücke mehrere Tausend Euro kosten", erklärt Inhaber Nico Wünsche. Er schloss den Laden und machte mit einem E-Bike-Store weiter.
Manche Händler verlangen Beratungspauschalen, damit sie an gutem Service unmittelbar verdienen. Auf viele Kunden wirke dies aber noch abschreckend, sagt Elsner-Krause.


Die Vermessung des Kunden
BoBikes-Mitarbeiter Julian Sorge berät Kunden kostenlos bei der richtigen Ernährung. Der Biologe startet seit Jahren als Semiprofi bei internationalen Triathlon-Wettbewerben. Bei Laktatmessung, Spiroergometrie, Leistungs- oder Energiediagnostik arbeitet BoBikes mit Partnern aus der Umgebung zusammen. Nebenan bietet ein Personaltrainer in einem Athletikraum Fitnesskurse an. "Ergonomie ist beim Radfahren sehr wichtig, deshalb integrieren wir das in die Beratung", sagt Over.
Zuerst werden die Kunden vermessen. "Mit Radhose und den richtigen Schuhen stellen wir das Rad auf den jeweiligen Körper ein", erläutert Over. In Deutschland sei fast jedem zweiten Besitzer sein Rad zu groß. Eine intensive Beratung dauere bis zu zwei Stunden.
Durchaus plausibel, findet Claudia Pirsch vom Fachhandelsverband Verbund Service und Fahrrad (VSF): "Je besser ein Fahrrad zum Radfahrer passt, umso länger und schmerzfreier kann er damit fahren. Ergonomie ist beim Radfahren sehr wichtig." Für Hobby-Rennfahrer, die stundenlang unterwegs sind, empfiehlt sie eine umfassende Vermessung. "Je ambitionierter die Sportler fahren, also Strecken über 60 Kilometer am Stück, desto wichtiger ist es, Schmerzen oder Beschwerden zu vermeiden." Für Fahrer, die nur wenige Minuten oder Kilometer am Tag unterwegs sind, sei eine umfassende Vermessung zweitrangig.


Knowhow für Alltagsradler von der Tour de France
Auf dem Gelände des Kölner Radladens BoBikes hat sich ein weiterer Sportgesundheits-Spezialist angesiedelt. Oliver Elsenbach fertigt Solestar-Einlagen für Rennradschuhe. Damit bleibt der Fuß steif im Schuh und überträgt die maximale Leistung auf die Pedalen.
"Jedes Fahrrad und jeder Fahrer ist sehr individuell, die beiden müssen aufeinander abgestimmt werden", sagt der 49-jährige Sportwissenschaftler, der Profis und Hobbyradler betreut. So lassen sich bei einem Rad Sattelhöhe, Neigung, Lenkervorbau, Lenkerbreite, Sitzposition, Kurbellänge und Pedale einstellen. Dabei geht es darum, viel Leistung aus den Beinen zu nutzen, aber auch eine gesunde Sitzposition zu finden.


Fußstellung, Knie, Becken und Nackenstellung werden vermessen



"Wer schmerzfrei fährt, hat mehr Spaß daran und leistet auch mehr", sagt Elsenbach. Seiner Einschätzung nach sitzen 70 Prozent der Radfahrer schlecht auf dem Rad, was Rücken- oder Nackenschmerzen verursacht. "Besonders E-Bike-Käufer geben viel Geld aus, denken aber nicht an die richtige Einstellung des Rads."
Rund zweieinhalb Stunden benötigt Elsenbach für die Konfiguration. Ohne Einlagen kostet der Service 220 Euro, mit Einlagen 470 Euro - im Vergleich zum Spitzenrad von 12.000 Euro macht das keine vier Prozent - einen Cappuccino aus der teuren Maschine gibt es dann gratis dazu.