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Doku über Wechseljahre: Der Aufbruch
SPIEGEL
Wed, 15 May 2019 20:33

Doku über Wechseljahre: Der Aufbruch

SPIEGEL
Wed, 15 May 2019 20:33

Weicher werden, knittriger, schwitziger - aber auch endlich den Mut haben, radikal an sich selbst zu denken.

Doku über Wechseljahre: Der Aufbruch
Die Doku "Was Sie schon immer über Frauen wissen wollten" erzählt entspannt über die Wechseljahre.









Eva Maschke/ NDR/ BR










Mittwoch, 15.05.2019  

21:33 Uhr




Die kleine Grinsebinde macht Hoffnung. Ein winziges, animiertes Gif, das einen lächelnden Menstruationsartikel zeigt, in den langsam Blut sickert und den man als Sticker auf seine Instagram-Storys kleben kann - ein kleiner, weiterer Schmunzelschritt auf dem Weg dahin, natürliche körperliche Vorgänge nicht länger als betuschelungswürdige Unaussprechlichkeiten zu begreifen.




Während die Periode gerade dank zunehmender Verlifestylisierung immer mehr enttabuisiert wird, wird über ihr finales Versiegen immer noch zu viel geschwiegen. Die Filmemacherin Katrin Bühlig, hat den Wechseljahren nun eine 85-minütige Dokumentation gewidmet, in der fünf Frauen völlig krampfbefreit über Winkefleisch, Hitzewallungen und Scheidentrockenheit reden. Und darüber, dass es keinen Grund gibt, sich plötzlich als "funktionslose Hülle" zu fühlen, nur weil die Reproduktionsfähigkeit beendet ist.


So offen hier gesprochen wird, so verdruckst ist leider die Sendezeit: Der NDR zeigt die Doku lieber diskret um Mitternacht, leider bleibt sie also vor allem Tipp für die Mediathekennutzer.

Es ist vor allem ihre unangestrengte Offenheit, die die Doku auch für Noch-nicht-Betroffene sehenswert macht. "Bis eben war ich doch noch jung, und jetzt soll ich plötzlich die Zielgruppe für Mittel gegen Blasenschwäche sein?", fragt sich die Autorin der Doku, selbst gerade 51 geworden, zu Beginn. Acht Millionen Frauen erlebten in Deutschland gerade ihre Wechseljahre, so viele wie nie zuvor, doch öffentliches Thema sei diese Phase nicht.



Ist sie selbst nun also wirklich nicht mehr Blüte, sondern schon Kompost, überlegt Bühlig mit jenem lakonischen Humor, der sich durch ihren ganzen Film zieht, der Raum für Wehmut, aber auch für Erleichterung und Lachen lässt. Das ist vor allem den ungekünstelten Erzählungen ihrer fünf Protagonistinnen geschuldet, alle um die 50, teils mit Kindern, teils ohne, aus ganz verschiedenen Lebenswelten: Mal erzählt Landwirtin Christine, dann Serien-Schauspielerin Anne. Ulla, die öfter über das Sterben nachdenkt, und Beate, die gerade einen Lifestyle-Blog gestartet hat, um sich und andere Frauen in ihrem Alter sichtbarer zu machen.


Das Gefühl, nicht mehr gesehen zu werden
Die Angst zu verschwinden ist ein Stichwort, das immer wieder auftaucht. Das Gefühl, als ältere Frau nicht mehr gesehen zu werden. Selbst in der Werbung für Kosmetik, die ihre Altersklasse ansprechen soll, kämen sie nicht vor, würden sie durch jüngere, straffere, vermeintlich werbungsfähigere Stellvertreterinnen ersetzt, sagt Beate, 52.
Sie fühlt sich einer neuen Generation zugehörig, einer, die es nicht mehr interessiere, ob sie angeblich zu alt für Spaghettiträger sei. "Was Sie schon immer über Frauen wissen wollten" macht viel Platz für die fünf Frauen, die sich immer weniger angeschaut fühlen, begleitet sie zum Jazztanz, beim Yoga, bei dem sie "die Energie in den linken Eierstock fließen lassen" , zur metzgermäßigen Beschau durch eine Schönheitschirurgin, die 4000 bis 5000 Euro für ein neues, jüngeres Gesicht "ohne Merkelfalten" veranschlagt.



Es kommt freilich nicht zum Eingriff, die Doku-Frauen haben sich mit ihren neuen, älteren Körpern weitgehend arrangiert, die eine mehr, die andere weniger. Natürlich sei vieles daran auch lästig: Das Schwitzen und die heißen Wellen, die einen manchmal zur Unzeit überschwappten, das Weicherwerden, in den Körperkonturen, aber glücklicherweise eben auch im Geist: "Ich freue mich auf die trockene Phase", sagt Anne: Mit der Periode sei auch das Gefühl verschwunden, es anderen recht machen zu müssen. Jetzt genieße sie es, "am radikalsten an sich selbst zu denken". In der Doku allerdings denken die Frauen auch noch an andere. An die Männer, zum Beispiel, die ja auch am Älterwerden zu knapsen hätten: Die stellten sich ja auch nicht öffentlich hin und verkündeten: Ich bin jetzt 50, ich habe eine erektile Dysfunktion und Schlepphoden.
Die Doku betreibt keine Schöntüncherei, auch Depressionen, Einsamkeitsgefühle, das tägliche Hadern finden Platz. "Was Sie schon immer über Frauen wissen wollten" ist vor allem ein beherzter Appell zum einfach Weitermachen. "The Change", werden die Wechseljahre im Englischen genannt, das gefällt den Frauen, weil es nach Aufbruch klingt. Und die Autorin der Doku zeigt, was das zum Beispiel auch bedeuten kann: Am Ende heiratet sie, im weißen Tüllkleid, mit Anfang 50, warum auch nicht.

"Was Sie schon immer über Frauen wissen wollten". Mittwoch, 15.5., 0 Uhr, NDR. Nach Ausstrahlung

in der Mediathek verfügbar.