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Bundestrainer Hagen Stamm: Mister Wasserball
SPIEGEL
Mon, 22 Jul 2019 14:49

Bundestrainer Hagen Stamm: Mister Wasserball

SPIEGEL
Mon, 22 Jul 2019 14:49

Die deutschen Wasserballer haben sich bei der Weltmeisterschaft in Südkorea bis ins Viertelfinale vorgekämpft.

Bundestrainer Hagen Stamm: Mister Wasserball
Der Aufschwung des deutschen Teams ist untrennbar mit dem Bundestrainer verbunden.









Bernd Thissen/ DPA










Montag, 22.07.2019  

15:49 Uhr




Vor ein paar Tagen wurde bei Twitter eine lebhafte Debatte losgetreten. Es ging um die Frage, ob es noch eine andere Sportart gäbe, die so mit einem Namen verbunden sei wie Wasserball mit Hagen Stamm. Zahlreiche User beteiligten sich an dieser Diskussion. Aber niemand fand ein treffenderes Beispiel. Wasserball in Deutschland - das ist Hagen Stamm.




Die "Berliner Zeitung" hat ihn zu Beginn dieser Weltmeisterschaft im südkoreanischen Gwangju den "schier Unersetzbaren" genannt, und da scheint etwas dran zu sein. Stamm ist mittlerweile 59 Jahre alt, als Spieler war er Europameister, hat Olympia-und WM-Bronze errungen, unzählige Meistertitel mit den Wasserfreunden Spandau gewonnen. Am Ende hatte er in sagenhaften 323 Länderspielen 750 Tore erzielt. Es war die Zeit, in der dieser ebenso robuste wie anspruchsvolle Sport auch in der ffentlichkeit Anklang fand. Spieler wie Frank Otto, Rainer Osselmann oder Peter Röhle und Klubs wie Rote Erde Hamm waren damals nicht nur den Insidern ein Begriff. Aber kein Name war so bekannt wie Stamm.


Bis 2012 war er nach seiner aktiven Karriere zwölf Jahre lang Bundestrainer, danach versank das deutsche Wasserball in der Bedeutungslosigkeit. Stamm kümmerte sich um seinen Fahrradladen im Berliner Osten, mischte noch bei seinem Verein in Spandau als Präsident mit, aber mit der Nationalmannschaft hatte er eigentlich abgeschlossen. Bis sein Sohn Marko, natürlich auch Wasserballer, ihn bedrängte, bis der Verband sich diesem Drängen anschloss. Stamm ließ sich überreden, seit 2016 hat er auf einer 50-Prozent-Stelle wieder das Sagen am Beckenrand - mit ihm gelang zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder die Qualifikation zur WM.


Vorgänger fanden nicht den richtigen Ton
Jetzt steht das Team im Viertelfinale, hat sich nach einem Remis im Auftaktspiel gegen Japan kontinuierlich gesteigert und sich richtiggehend ins Turnier hineingebissen. Dass man wieder unter den besten Acht der Welt steht, nennt Stamm "im Grunde eine Sensation, ein Traumergebnis". Seine Vorgänger Nebojsa Novoselac und Patrick Weissinger kamen mit dem Bundestrainer-Job nicht zurecht, gegen Novoselac gab es sogar eine regelrechte Rebellion der Spieler. Stamm findet offenbar den richtigen Ton.




Acht Spieler aus seinem Team haben vorher noch nie eine Weltmeisterschaft erlebt, entsprechend wenig Motivationsprobleme hat der Trainer. Sohn Marko Stamm, in Spandau und im Nationalteam fast schon so eine Führungsfigur wie einst der Vater, hatte in der Vorwoche die Schlagzeilen auf seiner Seite, weil er trotz eines erlittenen Bänderrisses aus dem Auftaktspiel schon bei der nächsten Partie gegen Brasilien wieder mitwirkte - und gleich fünf Tore warf. Gegen die Südafrikaner am Sonntag setzten Stamms Spieler noch einen drauf: 25 Treffer - so viele hatte noch nie ein deutsches Wasserballteam in einem WM-Spiel geworfen.


Wasserball ist auch Familiensache
Stamm hat seinen Vertrag mittlerweile bis 2020 verlängert. Die guten Ergebnisse bei der WM machen Hoffnung auf eine Olympiateilnahme im kommenden Jahr, die Qualifikation dafür wird Anfang 2020 ausgespielt. Der Bundestrainer hat mittlerweile einen, nun ja, Stamm von fast 20 Spielern zur Verfügung, mit denen er dieses Ziel angehen kann. Dabei sind Routiniers wie sein Sohn oder Mannschaftskapitän Julian Real, der schon vor elf Jahren bei der bislang letzten Olympiateilnahme in Peking zum Aufgebot gehörte, gemischt mit jungen Akteuren wie der 22-jährige Ben Reibel, dessen Vater Guido einst mit Hagen Stamm zusammen in Spandau spielte und der jetzt Chef der Bundesliga ist. Wie das in vielen Nischensportarten so zugeht: Auch Wasserball ist Familiensache. Da ist es wie in einem mittelständischen Handwerksbetrieb. Vom Vater zum Kind.



Spandau, Duisburg, Hannover - noch gibt es die Zentren des deutschen Wasserballs, in denen auch noch der Nachwuchs entsprechend gefunden und gepflegt wird. Ansonsten aber ist die Talentsuche auch im Wasserball schwierig geworden, der Sport ist in den vergangenen zehn Jahren von der medialen Bildfläche fast verschwunden, das hat Auswirkungen. Stamm hat daher zuletzt in einem Interview mit der "taz" noch dafür plädiert, verstärkt Schwimmer anzuwerben, die es im Becken nicht bis ganz nach vorne geschafft haben. Stamm sagt ein bisschen flapsig: "Wenn Schwimmer anfangen zu denken, werden sie Wasserballer."
Im Viertelfinale am Dienstag (8.30 Uhr deutscher Zeit) wartet mit Kroatien der Titelverteidiger und große Turnierfavorit auf die deutsche Mannschaft. Niemand würde sich über eine Niederlage wundern. Aber am Beckenrand steht Hagen Stamm.