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Medikamenteneinsatz in Schwellenländern: Antibiotika-Resistenzen in der Tiermast steigen
SPIEGEL
Sat, 21 Sep 2019 19:47

Medikamenteneinsatz in Schwellenländern: Antibiotika-Resistenzen in der Tiermast steigen

SPIEGEL
Sat, 21 Sep 2019 19:47

Weltweit steigt der Fleischkonsum - und damit laut einer Studie die Antibiotika-Resistenzen.

Medikamenteneinsatz in Schwellenländern: Antibiotika-Resistenzen in der Tiermast steigen
Vor allem in Schwellenländern wächst die Massentierhaltung und der ungebremste Einsatz von Antibiotika. Das bedroht auch den Menschen.















Jan Woitas/ dpa

Hühner in einem Stall auf einem Geflügelhof. Das Bild stammt aber aus Deutschland














Samstag, 21.09.2019  

20:47 Uhr




Eigentlich war es eine gute Nachricht, als das Bundesministerium für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit im vergangenen Jahr mitteilte: In Deutschland setzen Landwirte in der Nutztierhaltung weniger Antibiotika ein.




Denn der Einsatz solcher Mittel in der Tierzucht ist problematisch, weil sich durch den unsachgemäßen Gebrauch resistente Keime bilden können, gegen die kaum noch ein Medikament wirkt. Solche antibiotikaresistente Bakterien und Resistenzgene können auch zwischen Mensch und Tier übertragen werden. So gelangt das Problem von Schweinen oder Hühnern zu uns.


Global gesehen nehmen solche Probleme aber zu, zeigt sich nun in einer neuen Studie, die im Fachmagazin "Science" erschienen ist. Vor allem in Schwellenländern stieg der Anteil an antibiotikaresistenten Erregern in der Tiermast. Die größten Resistenz-Hotspots gäbe es in China und Indien. In Brasilien und Kenia entstehen nach Daten der Forscher derzeit solche Problemzonen.



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In der Tiermast würden global dreimal mehr Antibiotika und ähnliche Medikamente eingesetzt als in der Humanmedizin, schreiben die Wissenschaftler. Der große und steigende Einsatz sei unter anderem eine unmittelbare Folge des wachsenden Fleischhungers der Welt: Während die Fleischproduktion in den Industrieländern seit 2000 etwa stagniere, sei sie in Afrika (plus 68 Prozent), Asien (plus 64 Prozent) und Südamerika (plus 40 Prozent) erheblich gewachsen.



Antimikrobielle Medikamente - also Mittel, die gegen Infektionserreger wie Bakterien, Viren oder Pilze wirken - würden in den Ländern oft routinemäßig eingesetzt, um intensive Tierhaltungssysteme zu etablieren und gleichzeitig die Gesundheit und Produktivität der Tiere zu erhalten, schreiben die Wissenschaftler um Thomas Van Boeckel von der ETH Zürich. Die Mittel würden zur Vorbeugung und Behandlung der Tiere eingesetzt, aber auch um den Gewichtszuwachs zu erhöhen. Laut dem Tierarzneimittelrecht ist die vorbeugende Behandlung von Masttieren in der EU grundsätzlich nicht erlaubt, auch zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit dürfen die Mittel nicht eingesetzt werden.
Gerade in den Schwellenländern sei der Einsatz der Medikamente nicht gut dokumentiert. Die Forscher werteten nun insgesamt 901 Studien aus diesen Ländern aus, die zumindest in die dortige Situation einen Einblick geben.
Der Anteil an Antibiotika, die in mindestens 50 Prozent der Fälle bei Hühnern und Schweinen versagen, stieg dort demnach zwischen 2000 und 2018 dramatisch an. Zurzeit versagten ein Drittel der Antibiotika in 50 Prozent der Fälle in Hühnern und ein Viertel der Mittel in 50 Prozent der Fälle in Schweinen. "Dieser beunruhigende Trend zeigt, dass in der Tierzucht eingesetzte Medikamente ihre Wirksamkeit rasch einbüßen", sagt Van Boeckel laut Mitteilung der ETH. Die meisten Resistenzen gab es demnach gegen die am häufigsten eingesetzten Mittel: Tetracycline, Sulphonamide, Penicilline und Quinolone.


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Antibiotika-Resistenzen seien ein globales Problem, schreibt Van Boeckel. "Es ergibt keinen Sinn, mit beträchtlichem Aufwand auf der einen Seite der Erde Antibiotikaresistenzen einzudämmen, während sie auf der anderen Seite massiv steigen."
Missbrauch und übermäßiger Gebrauch antimikrobieller Medikamente und die daraus resultierenden Resistenzen seien ein drängendes globales Problem, das international angegangen werden müsse, schreibt auch Catrin Moore in einem Kommentar zu der Studie, ebenfalls in "Science" veröffentlicht.
Die Schweizer Forscher veröffentlichen ihre Daten in einer frei zugänglichen Internet-Plattform. Dort können Fachleute neue Daten einspeisen. Die Forscher hoffen so einen besseren Überblick über das Ausmaß des Problems zu bekommen.



Bei den Daten des Bundesministerium für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit vom vergangenen Jahr gibt es aber ein Problem: Denn in Deutschland stieg zuletzt die Menge der Mittel an, die eine besondere Bedeutung für die Therapie beim Menschen haben. Reserveantibiotika, sogenannte Fluorchinolone. Sie sind oft die einzige Hoffnung für Menschen, die sich mit antibiotikaresistenten Erreger infiziert haben. Dass die Mittel nun auch hierzulande immer häufiger in der Landwirtschaft eingesetzt werden, erhöht die Chancen für Resistenzen gegen solche Notfallmittel. Deshalb besteht ein großer Bedarf an neuer Medikamentenforschung. Doch die sei aufwendig und teuer, sagen Pharmaunternehmen.
Nach Schätzungen gibt es in Deutschland zwischen 1000 und 4000 Todesfälle pro Jahr durch antibiotikaresistente Erreger.