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Zentralrat der Juden: "Es macht sich Sorge breit"
SPIEGEL
Thu, 10 Oct 2019 08:39

Zentralrat der Juden: "Es macht sich Sorge breit"

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Thu, 10 Oct 2019 08:39

Der Zentralrat der Juden sieht im Angriff von Halle eine neue Qualität des Rechtsextremismus in Deutschland.

Zentralrat der Juden: "Es macht sich Sorge breit"
Der fehlende Polizeischutz an der Synagoge sei "skandalös", sagte der Vorsitzende Schuster.















Karl-Josef Hildenbrand/ DPA

Kritisiert fehlenden Schutz für jüdische Einrichtungen: Josef Schuster vom Zentralrat der Juden














Donnerstag, 10.10.2019  

09:39 Uhr




Stunden nach dem tödlichen Angriff in Halle hat sich der Zentralrat der Juden kritisch zur politischen Stimmung im Land geäußert. Er sehe in dieser Attacke eine neue Qualität des Rechtsextremismus in Deutschland, sagte Josef Schuster, Präsident der Organisation im Deutschlandfunk. Der Anschlag auf die Synagoge verändere das Gefühl jüdischer Menschen in Deutschland. "Es macht sich Sorge breit."




Schuster sagte weiter, er beobachte eine politische Entwicklung, die Rechtsextremismus fördere. Deshalb sei die Tat nicht ganz unerwartet gewesen.


Schon zuvor hatte Schuster der Polizei schwere Vorwürfe gemacht: "Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös", sagte Schuster. "Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt." Nur glückliche Umstände hätten ein Massaker verhindert, sagte Schuster in Würzburg.


Video aus Halle: "Wie eine Geisterstadt"
















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Zum Zeitpunkt des Angriffs befanden sich laut der Jüdischen Gemeinde 70 bis 80 Menschen in der Synagoge. Sie feierten gemeinsam den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Dem Täter gelang es nicht, sich Zugang zur Synagoge zu verschaffen. Er schoss auf Passanten, zwei Personen starben, mehrere wurden verletzt. Die Polizei konnte den mutmaßlichen Täter festnehmen (mehr dazu lesen Sie hier).



Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle schilderte gegenüber mehreren Medien, wie die Menschen in der Synagoge über eine Kamera verfolgten, wie der Angreifer sich Zugang zu dem Gebäude verschaffen wollte.


"Der Mann sah aus wie von einer Spezialeinheit"
"Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte Max Privorozki der "Stuttgarter Zeitung". "Der Mann sah aus wie von einer Spezialeinheit", sagte er. "Aber unsere Türen haben gehalten." Der oder die Täter hätten außerdem versucht, das Tor des danebenliegenden jüdischen Friedhofs aufzuschießen, sagte der Vorsitzende weiter.
"Die Spirale der Gewalt hat sich deutlich entwickelt", sagte Michel Friedman dem ZDF. Der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden bezeichnete ebenfalls das politische Klima und den Antisemitismus als eine "ernste strukturelle Problematik".






Gali Tibbon/DPA

Benjamin Netanyahu







In Israel sorgte die tödliche Attacke für tiefe Betroffenheit: Israels Premierminister Benjamin Netanyahu sprach von einem "weiteren Ausdruck für Antisemitismus in Europa". Die Tat habe am "heiligsten Tag für unser Volk" stattgefunden, sagte er in einer Mitteilung.
"Ich fordere die Behörden in Deutschland auf, weiterhin entschlossen gegen das Phänomen des Antisemitismus vorzugehen", sagte Netanyahu. "Im Namen des Volkes von Israel spreche ich den Familien der Opfer mein Beileid aus und wünsche den Verletzten eine rasche Genesung."


"Taten statt Worte"



Der Jüdische Weltkongress forderte einen besseren Schutz für jüdische Einrichtungen in Deutschland. "Leider ist die Zeit gekommen, in der alle jüdischen Gebetshäuser und andere jüdische Einrichtungen eine erhöhte Sicherheit durch staatliche Sicherheitskräfte benötigen", sagte der Vorsitzende Ronald Lauder. Es seien "Taten statt Worte" nötig.
Nach dem "entsetzlichen" Anschlag rief Lauder dazu auf, "eine einheitliche Front gegen neonazistische und extremistische Gruppen" zu bilden.